„R.I.P.“  – Bettensterben im Tourismus

Bettensterben, Chiemgau, Chiemsee,Bettenrückgang,

OK, ganz so schlimm wird es mit dem „Bettensterben“ hoffentlich nicht werden.

Ursprünglich war der Text von mir gedacht als Leserbrief zu einem Artikel im Traunsteiner Tagblatt. Mir wurde aber dann schnell klar, dass meine Ausführung*** die geforderte Kürze eines Leserbriefs zum Bettensterben übertreffen wird. Hier geht’s erst Mal zur Onlineversion des Artikels.

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„Entwicklungsplan für Handel und Handwerk gefordert“ Bettenrückgang ist auch ein Problem für Geschäfte-……

Print- Artikel: Lokales-Tagblatt9-2015

Der obige Leitsatz wird sicher nicht nur ein Problem für die Geschäfte im Handel werden, sondern auch für das Handwerk und die Entwicklung der Infrastruktur der Gemeinden und Kommunen.

Jenseits des Wissens über die Inhalte der angesprochenen CIMA- Studie und des Vortrags von Eva Gruber, möchte ich hier ein paar Denkanstöße*** zu dem Zeitungsartikel weiter geben.

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Alles ist irgendwie miteinander verbunden, vernetzt, könnte man als Oberbegriff wählen. Ich sehe mich dazu immer gern in der Natur um, dort findet man oft ein passendes Beispiel wie etwas funktionieren kann, wenn man die gesamten Zusammenhänge auch erkennen und ansehen möchte.

Die Entwicklung der angebotenen Unterkunftsmöglichkeiten für Gäste, nicht nur in unserer Region, entwickelt sich mittlerweile mehr in Richtung Ferienwohnung. Angefangen hat alles mit dem Angebot eines Zimmers im eigenen Haus bzw. Hof. Daraus haben sich dann zufriedene Stammgäste ergeben, deren Anspruch an qualitativer Ausstattung eine Unterkunft ursprünglich recht einfach war. Über Jahrzehnte haben sich so dann Freundschaften zu Stammgästen entwickelt, die jedes Jahr ihre Ferien beim selben Vermieter, bei der gleichen Familie, verbracht hatten. Im Laufe der Zeit wurden die Ferienzimmer immer zweckmäßiger ausgestattet, bis sich daraus dann ein Ferienwohnungs- Boom entwickelte.

„Bettensterben vs. Wirtschaftswachstum“

Das Ziel war dann, dem Gast eine Unterkunft zu bieten, in der „Er/Sie“ sich selbst versorgen kann, quasi ein „zweites Zuhause“ findet. Klar dass durch diese Expansion von „Selbstversorgern“ natürlich einen hohen Bedarf an Einkaufsmöglichkeiten geschaffen werden muss. So kam es dazu das mittlerweile in vielen Dörfern ein schicker „Vollsortimenter- Supermarkt“ das Ortsbild „ziert“. Das funktioniert sicher auch, solange hunderte von Betten in den angebotenen Ferienwohnungen auch vollends belegt sind. Am Meisten vom Bettensterben betroffen sind kleinere Privatvermieter, Private Gastgeber die Zimmer mit Frühstück anbieten.

Das Ergebnis für die örtlichen Gastronomen, Geschäfte sieht aber deshalb nicht immer so rosig aus. Früher wurde dem „bed & breakfast Gast“ von seinem Gastgeber eine Empfehlung gegeben, wo er traditionell Essen gehen kann, die „reschesten Semmeln“ für eine Brotzeit bekommt oder die wärmsten handgestrickten Socken erwerben kann.

Das belebt ein Ortsbild und schafft Strukturen und Verbindungen, es rührt sich was im Dorf. Augenblicklich entwickelt sich das in die Richtung, dass ein Gast vor Urlaubsantritt mit prall gefüllten „Plastiktaschen“ den Discounter verlässt und sich in seine 5* Luxusunterkunft verkriecht und mit einem Bündel bunter Prospekte unterm Arm seinen Aufenthalt plant. Wenn er dann alle „Top-Sightseeings“ durch hat, fährt er wieder nach Hause, vermutlich ohne Motivation wieder in den gleichen Ort zurück zu kommen.

Das Ergebnis, den „Discountern“ werden irgendwann die Kunden fehlen, die „alten Geschäfte“ gibt es auch nicht mehr und die einheimische Bevölkerung hat sich mittlerweile auch an das bequeme „Überangebot“ des SB-Marktes gewöhnt. Der Tourismus bricht weg, der Ort stirbt langsam aus. Es gibt kaum noch Läden, die Handwerker bekommen keine lukrativen Aufträge mehr im Ort und die nun fehlende Infrastruktur ist uninteressant für künftige Investoren, ortsansässiger Jugend und Zuzügler. Meiner Meinung nach liegt der Schlüssel für eine langfristigen Erfolg in der Besinnung auf „die Wurzeln“. Das fängt mit der Re- Aktivierung der Wirtshauskultur, der Stammtischkultur im Ort an. Dazu bedarf es aber nicht nur Urlaubsgäste, sondern auch die Akzeptanz und Identifikation von der ortsansässigen Bevölkerung und Vereinen.

Was ist ein Stammtisch?

Ein Platz wo sich die Menschen „des Stammes“ treffen, sich austauschen, streiten und diskutieren. Dort wo auch „die Alten“ sitzen, ihre Lebensweisheiten und Erfahrungen an Interessierte weitergeben. Das Verbindungsstück wo „die Wurzeln“ ihre Nahrung ziehen um für einen Aufbau einer imposanten „Baumkrone“ sorgen, um beim Vergleich mit der Natur zu bleiben. Ebenso die Wichtigkeit  der privaten Gastgeber, der Kleinvermieter zu erkennen und sie in ihrem Tun zu unterstützen. Sie sind in unserem Beispiel der Dünger für die Entwicklung einer gesunden „Krone“.

Die privaten Gastgeber sind einzigartig, sowohl in Ihrer Person wie auch in Ihrem Tun und Wirken. Genau das ist es was der Gast schätzt und warum er genau hier her kommt. Er sucht nach einer außergewöhnlichen Unterkunft, in außergewöhnlicher Landschaft bei außergewöhnlichen Gastgebern.

„Wir unterstützen und stärken die privaten Gastgeber, damit die Gäste die Einzigartigkeit unserer Gastgeber, der Region und Landschaft erleben und genießen können.

Zukunftsorientierung und Unabhängigkeit sollen das Maß all unserer Aktionen und unseres Handelns sein“

(z.B. Leitsatz vom Verband der privaten Gastgeber im Chiemgau e.V.)

 

Klassifizierung der Unterkunft

Diese Einzigartigkeit gilt es herauszuarbeiten und mit Stolz dem Gast zu präsentieren. Meiner Meinung nach, braucht es auch keinen Vergleich mit anderen Anbietern und schon gar keine Sterne- Klassifizierung um auf der „wieauchimmerselben Stufe“ wie der Mitbewerber zu stehen. Eine Klassifizierung gibt es nicht umsonst, die geforderten Maßnahmen kosten und um die Erhaltung bzw. die Folgeklassifizierungen zu erlangen, muss man wieder tief in die eigene Tasche greifen. Sicherlich will ein Gast in einem bequemen Bett schlafen, das in einer sauberen und einladenden Unterkunft steht. Die Auswahl von weiteren angebotenen Extras sollten aber dem Gastgeber selbst überlassen bleiben, vor Allem wenn die Fremdfinanzierung sich später als Existenzbedrohung auswirken könnte. Das Bettensterben allein nur durch Sterneklassifizierungen aufhalten wird langfristig nicht funktionieren.

Ein Gast ist etwas ganz Besonderes, genau wie sein Gastgeber, und so möchte er auch behandelt werden. Nur ein paar Sternchen kaufen und dann zurücklehnen, funktioniert so sicher nicht. Um die angestrebten bzw. angeforderten Qualitätsgastgeberkriterien zu erfüllen reicht in der Regel, die „Portokasse“ nicht aus, so muss man es halt irgendwie, irgendwo aufnehmen.

Das nennt man dann „Vorabkonsum“ und gaukelt einem Wirtschaftswachstum vor. Kennt Ihr sicher von den 0- Prozent Finanzierungs- Angeboten aus den Medien. ….und schwupps, ist man wieder drin in der Zwickmühle. Solche Investitionen müssen wirklich gut durchkalkuliert werden, vor Allem wie lange man denkt dafür zu brauchen, das geliehene Geld, incl. Zinsen wieder zurück zu zahlen. Wir sollten damit aufhören ständig noch mehr, noch gieriger nach ständigem Wachstum in unserer Konsumgesellschaft zu streben.

Wer schreibt uns denn eigentlich vor, wie etwas auszusehen hat? …mmhhhh? (Artikel MAN-Gesellschaft***)

Naturkonforme Erkenntnisse

In der Natur ist auch nicht immer alles am noch Größer werden, noch mehr am Wachsen. Unsere Erde ist begrenzt, die Landfläche ist auch nur begrenzt vorhanden. Es regelt sich meist jedoch auch alles von selbst. Einige Kulturen sind z.Bsp. durch maßlosen Ressourcenabbau nach Zuwanderung einfach ausgestorben, bzw. waren gezwungen ihr Land zu verlassen. Wenn kein Platz mehr ist, dann überlebt halt nur die stärkere Spezies. Gesunde Artenvielfalt entwickelt sich nur wenn man mit Gefühl in „die Natur“ eingreift sie hegt und pflegt. Es unterliegt alles einem gesunden Kreislauf, der schon seit Entstehung der Welt immer wieder den gleichen Ablauf hat.

Man könnte es auch den 4 Jahreszeiten-Rhythmus nennen. Aus der kalten Winterruhe entsteht im Frühling wieder neues Leben, es sprießt, alles entwickelt sich saftig und kräftig. Dann beginnt die Hege und Pflege, das Licht des Sommers kommt dazu und es entwickelt sich eine kräftige Ernte. Im Herbst dann fährt man seine Ernte ein, genießt den ganzen Überfluss in vollen Zügen, lagert ausreichend Früchte für den nahen Winter ein und vergisst dabei nicht etwas Saatgut für einen Neuanfang im Frühjahr zurück zu legen.

Was hat das jetzt mit Tourismus und wirtschaftlicher Entwicklung zu tun?

Die Weltwirtschaft wird sich in den kommenden Jahren schlagartig in den Winter verziehen. Einige werden dann ihre komplette Ernte verlieren. Auch für den Samenerwerb wird dann weder Geld, und schon gar kein Euro, mehr vorhanden sein. Abwartende und umsichtige Investoren werden dann so einige Schnäppchen ergattern können. …leider !

Deshalb ist Samen erkennen und pflegen ein probates Mittel für ein gesundes „Wachstum“. Aus touristischer Sicht sind das für mich die Kleinvermieter, die privaten Gastgeber, mit ihrem vielfältigen und vielschichtigen Unterkunftsangeboten. Die Tatsache das etwa 60 % der Gästebetten im Chiemgau bei den Privatvermietern stehen, lässt einen vielleicht erahnen, welche potentielle Auswirkung eine „gezielte Düngung“ in diesem Segment bewirken kann.

Sie sind immer nah am Gast und sind somit der absolute Spezialist was die Herzenswünsche eines Gastes angeht. Das gute Gefühl für den Gast zu entwickeln, ohne sich selbst und das private Familienleben zu sehr einzuschränken ist ein weiterer wichtiger Same zur gesunden Entwicklung eines nachhaltigen und krisensicheren Tourismuskonzepts. Der Dritte wichtige Samen kommt aus der Rubrik, Hobby, Freizeitaktivität, Lieblingsplätze, Wege und Leidenschaften der Gastgeber. Oben hatte ich schon darüber geschrieben dass der Gast etwas Besonderes ist und immer auf der Suche nach etwas Einzigartigem ist. Was liegt da näher, für seinen Urlaub gezielt nach einem Gastgeber zu suchen der auch ähnliche Interessen hat oder andere interessante Angebote präsentieren kann.

Urlaubserlebnisse aus der Tüte oder emotional verpackt vom Spezialisten?

Wir leben in einer so gesegnet, schönen Gegend, ob am See, in den Bergen oder im Tal. Egal wo du hinsiehst, jede Landschaft hat ihren ganz besonderen Reiz. Unsere Heimat ist hier in einer der wohl schönsten Gegenden Deutschlands, im südlichsten Teil von Bayerns. Die ganze Welt kennt unsere Region und man kann es nicht oft genug erwähnen, wir können wirklich dankbar und stolz sein, hier leben zu dürfen. Und Gäste lieben es auch hier bei uns Urlaub zu machen, die herrlichen  Landschaften zu genießen und unsere Kultur kennen zu lernen.

Die bekannten Ziele und Sehenswürdigkeiten werden schon ausführlich durch die Tourist-Infos und die bekannten Tourismusorganisationen wie den Chiemgau- Tourismus, Chiemsee- Alpenland- Tourismus oder dem Tourismusverband Berchtesgadener Land, umfangreich präsentiert und beworben.

Was jedoch hat der Gastgeber für eine Empfehlung für seinen Gast? Welchen Geheimtipp kann er ihm/ihr empfehlen. Er/Sie kennt sowohl Gast, wie auch seine Heimat und kann ihm so eine ganz „individuelle“, persönliche Empfehlung machen. Allein beim Erzählen wird für den Gast das Angebot bereits emotional aufgeladen und kann es wohl kaum erwarten es zu endlich selbst zu erleben. Selbst erlebt und persönlich empfohlen vom Wohlfühl- Spezialisten, einem privaten Gastgeber.

Das ganz BESONDERE ERLEBEN eben !

Dabei hat jeder seine ganz eigenen Empfehlungen, ganz individuell, ganz verschieden, ganz außergewöhnlich eben.

Das zeichnet meiner Meinung nach einen Qualitätsgastgeber aus, der jenseits der Klassifizierungsnormen, voller Stolz seine Heimat präsentiert, ihm eine gemütliche Unterkunft bietet und dem Gast somit einen unvergesslichen Aufenthalt beschert. Eine naturkonforme Tourismus- Strategie ist sicherlich eine gute Möglichkeit dem „Bettensterben“ Einhalt zu gebieten.

Sich der Wurzeln wieder zu besinnen, diese entsprechend einzukürzen und dann mit dem „richtigen“ Dünger wohl dosiert versorgen. Gut mit Heimaterde abdecken, stets wässern, dann „ins Licht stellen“ und warten. Im „Frühling“ werden sich dann wieder die ersten Knospen zeigen.

„Bettensterben ade, jetzt geht´s aber wieder los,… juchee“

 

Übersetzt bedeutet das vielleicht:

  • Touristische Basis- Infrastruktur überprüfen. z.B. Bayerische Wirtshäuser, ausgewogene Anzahl an Fewo- und Zimmer-Anbieter von einfach bis gehoben, ausreichend Läden, öffentliche Verkehrsmittel
  • Private Gastgeber motivieren, stärken und unterstützen.
  • Schaffen eines Wissens- und Empfehlungsnetzwerks.
  • Aufklärung über wirtschaftliche Zusammenhänge im Tourismus mit den Bürgern.
  • Aufbau eines Beziehungsnetzwerks der „im Tourismus“ tätigen Firmen und Personen.
  • Paragraphen- und Vorschriften- Dschungel als Kontraproduktiv erkennen und auslichten.
  • Entwicklung von individuellen Schulungsprogrammen, speziell für Private Gastgeber.
  • Freie Akquise von passenden Partnern zur Fördermittelbereitstellung.
  • Zukunftsorientierung durch Unabhängigkeit
  • Neue Medien nutzen, ohne sich ausnutzen zu lassen.
  • Bettensterben als Chance für die Neuen „Grabpfleger, Landschaftspfleger,Tiefabau“

 


***BITTE um Beachtung, bei obigen Text handelt es sich um meine freie Meinungsäußerung zu dem Thema und nicht ein Artikel in Vertretung von einer Organisation, eines Vereins oder gar einer Firma.


Hier findet Ihr noch weitere Artikel*** von mir.

+++ CHIEMGAU- Tourismus Anno 2085     http://shania-seminare.de/chiemgau-tourismus-anno-2085/

+++ Die „MAN- Gesellschaft“ …Ausschnitte aus einem Kapitel meines Buches „Die Shania-Philosophie“,

hier gibt es das Buch: http://www.buch.de/shop/home/suche/?fq=3837092496

+++Regionales Gasthaus am Urlaubsort- ist das wichtig?  http://casa-shania.de/aktuelles/landestypisches-gasthaus-am-urlaubsort-ist-das-wichtig/

 

 

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